Wetzlarer Neue Zeitung

Kultur aus der Region
Dienstag 27. Apr. 2004

Kunst für Augen und Seele

Ausstellung von Eva Yeh im Stadthaus am Dom

WETZLAR. Es ist Kunst, die sich über die Augen ins Gemüt schleicht und dort Wogen glättet, die die Hektik des Tages geschlagen haben mag. Unversehens gerät man angesichts der Werke von Eva Yeh ins Schwärmen. Die gießener Künstlerin stellt im Stdthaus am Dom aus.

"Fundstücke - Objekte aus Papier und..." ist die Schau betiltelt. Ein schlichter Titel, hinter dem sich Kunst von sehr hohem Niveau verbirgt. Das Material ist so alltäglich wie individuell und vielseitig: Papier, mitunter kombiniert mit anderen Materialien. Profanes, das durch die Künstlerin geadelt wird. Papier, das zu einer von Gefühlen gefüllten Kreation wird und zu Objekten, die einladen, sie aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten und das Spiel von Licht und Schatten zu bestaunen.

Da wird farbiges Sandpapier, in Stücke geschinitten und in Bögen in den Untergrund aus Styropor gesteckt, zum rhytmischen Symbol für die Erde. Da werden Wellpappehüllen, die ansonsten Weinflaschen schützen, zu einer Kolonie von Seeanemonen. Da wird rotes Papier, gerissen und in senkrecht verlaufenden Rillen des schwarzen Untergrunds gesteckt, zu Feuer.

Gebrauchte Teefilter im Rahmen vermitteln ebenso Poesie wie Augentropfendosierer, die eine organisch wirkende Verbindung eingehen mit Versandtaschenpolster.

Eva Yeh beweist Geschick im Umgang mit den Papieren, Gespür für deren Potenziale und Geduld bei der sensiblen Umsetzung ihrer Eingebungen. Man spürt, dass ihr das Material am Herzen liegt und dass es ihr Freude bereitet, seine "Seele" zu finden; etwas, was man gerne auf den chinesiscchen Ursprung der Künstlerin zurückführen darf. Eine Zuweisung, die sie übrigens nicht ablehnt. Und sie offenbart Weisheit, wenn sie sagt, sie strebe keine Perfektion an. 90 Prozent seien ihr genug, Perfektion wäre langweilig.

Und 90 Prozent sind genug, um eine der bislang schönsten Ausstellungen des Jahres zu schaffen. Kunst, die nichts Marktschreierisches hat, sondern entspannend wirkt, wie "optische Oasen" in der Wüste der Reizüberflutung. Oder schlicht Kunst, die gut ist für die Augen und die Seele. (Gerd Heiland)